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Zwanzigster Moment: Vom Zauber der Regellosigkeit oder Drahtlose Vernetzung einmal anders

Gepostet am 30. November 2016 um 15:55
Das Musik ganz besondere Brücken zwischen Menschen schlagen kann, ist hinlänglich bekannt. Aber diesen Brückenbau als stiller Beobachter mitzuerleben, ist ein Erlebnis. Letztlich hatte ich die Chance, einem Improvisationsworkshop beizuwohnen. Und dabei wurde ich Zeuge dieses Brückenbaus. Ich hatte die Aufgabe, das Geschehen zu dokumentieren. Als Beobachter von aussen offenbarten sich mir Dinge, die man vielleicht gar nicht so bewusst wahrnimmt, wenn man direkt am Geschehen beteiligt ist. Die Teilnehmer des Improvisationsworkshops kannten sich nicht und hatten sich vermutlich vorher nie gesehen. So wusste auch der eine vom anderen nicht, wie er musikalisch tickt. Die Aufgabe bestand darin, zusammen zu musizieren - aus dem Moment heraus ohne Noten und ohne weitere Vorgaben (man einigte sich lediglich auf eine Tonart), ohne irgendwelche Regeln. Der ein oder andere war anfangs ein wenig irritiert, so wie ich auch, denn es taten sich die Fragen auf wie: Konnte das so überhaupt funktionieren? Klingt es nicht eher schräg, wenn jeder "irgendwie" spielt? War das nicht so etwas wie ein musikalischer Anarchismus? Man beschloss, dass der erste Versuch zwei Minuten dauern sollte. Jedes Instrument -es gab ein Piano, Cello, Gesang, Flöte, Saxophon, Geige und Akkordeon- sollte mindestens einmal ein Solo spielen. Zwei Minuten hört sich kurz an, können aber in so einer Situation verdammt lang werden...Es ging los und ich war äusserst gespannt. Ich filmte mit meinem Smartphone und war schon bei den ersten Klängen erstaunt, wie unerwartet harmonisch es klang. Oftmals gab es zwar noch kleine Pausen, weil keiner dem anderen zuvorkommen wollte; beziehungsweise jeder so rücksichtsvoll (oder zurückhaltend) war und sich nicht "vordrängeln" wollte - aber irgendwie passierte es, dass die zwei Minuten rasch vergingen und jeder mindestens einmal gespielt hatte. Wie schön das klang! Dann versuchte man es mit Rhythmus, und das Ganze gewann unheimlich an Lockerheit. Zudem erlangten die Teilnehmer in einer rasanten Weise zunehmende Sicherheit, so dass es mir fast schon so vorkam, als hätten sie schon öfters zusammen musiziert. Wie in einem Theaterstück. Jeder hatte seine Rolle; und das Schöne dabei war, jeder hatte sie selbst gewählt! Mehr und mehr konnte ich beobachten, dass die Instrumentalisten verstärkt begannen, untereinander zu kommunizieren. Das geschah mittels Blickkontakt. Wenn der eine beabsichtigte, sein Solo zu beenden, warf er dem gewünschten nächsten Instrument einen Blick zu und derjenige startete. Die Musizierenden beobachteten ihr Gegenüber, traten in eine nonverbale -aber für alle verständliche Kommunikation. Und so kreierten sie ein gemeinsames, einzigartiges Werk, im dem sich ein Teil von jedem Musiker wiederfand. Es war unglaublich, wie diese nonverbale Kommunikation funktionierte. Die Leute waren drahtlos vernetzt, über die Musik, über die Improvisation, die sie gemeinsam aufführten. Sie verfolgten ein Ziel, zogen alle an einem Strang. Da gab es keinen Fehler, keine schiefen Töne. Eine geregelte Regellosigkeit. Je länger sie zusammen spielten, desto schöner wurde es, ihnen zuzuhören und in mir wuchs der Wunsch, auch ein Teil dieses harmonischen Ganzen zu sein. Dieses Erlebnis zu teilen. Bis heute bereue ich, dass ich nicht den Mut hatte, mitzumachen. Aber beim nächsten Mal bestimmt!

Kategorien: 2016 - Momente

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