farbmomente. uta meixner

malerei & zeichnung.


Kunst-Blog                                                                                                                                                                           Kategorien

Kunst-Blog

Die Suche nach einer konkreten Musik geht weiter oder Erstaunliche Experimente Teil 2

Gepostet am 4. April 2016 um 20:00
Nach dieser Erfahrung packte Schaeffer die Experimentierwut. So nahm er zahlreiche Geräusche auf dem Pariser Bahnhof auf, um sie danach im Studio zu bearbeiten bzw. zu verfremden. Das tat er, indem er die Wiedergabegeschwindigkeit und Wiedergaberichtung änderte. Das Resultat seines Bahnhofsbesuchs war die "Eisenbahnstudie" (Etude aux chemins de fer), die zugleich als erstes Beispiel für die "Musique concrete" zu betrachten ist. Ein eigensinniges Klangwerk, über das der Leser sich selbst seine Meinung bilden sollte, indem er es hört. Eins ist sicher. Langweilig ist es nicht! Im Mittelpunkt steht auch eher die Idee, nur mit aufgenommenen und auf Tonträgern gespeicherten Klängen zu komponieren beziehungsweise zu hantieren. Das sind menschlische Stimme, Dampflokgeräusche, Bahnhofslärm; ganz normale Alltagsgeräusche. Ab und zu bediente er sich auch eingespielter Instrumente. Durch Montage, Bandschnitt und Veränderung der Bandgeschwindigkeit verfremdete Schaeffer diese elektronisch. Dem uneingeschränkten Gebrauch von konkreten Klängen standen allerdings technische Beschränkungen gegenüber. Schnitte und Montagen waren noch nicht möglich, so bedurfte es mehrerer Plattenspieler zur Aufführung einer Komposition. So gesehen, könnte man die frühe "musique concrète" auch als eine Art Vorläufer für das DeeJaying betrachten. Unter dem Einfluss des französischen Schlagzeugers und Komponisten Pierre Henry weitete sich Schaeffers Interesse auch auf nicht technische Klänge wie Laute des menschlichen Körpers oder speziell präparierter Instrumente aus. (Symphonie pour un homme seul). Schaeffer und Henry entwickelten spezifische Methoden der Klangbearbeitung, die später auch auf Tonbandgeräte übertragen werden konnten. Die Tonbandgeräte ermöglichten eine präzisere Bearbeitung einzelner Passagen als die Phonographen. Somit konnten Prinzipien von Wiederholung und Variation der vorgefundenen Objekte stetig verfeinert werden. Durch seine Experimente wollte Schaeffer zeigen, wie wichtig er es fand, sich am direkten Hören zu orientieren. Denn Musik wird zum Hören gemacht. Schaeffers Ansinnen war es, die Klänge in ihrer Ursprungsgestalt anzunehmen und sich ihrer Substanzen zu bedienen; die Ohren für die Klänge des realen Lebens zu öffnen und diese Klänge als kompositorisches Material ernst zu nehmen. Seine Arbeit wurde mehr und mehr publik. Und schaffte die Grundlage für viele weitere experimentelle Klangstudien, deren Methoden wir auch in den Studios der Popmusik widerfinden.

Kategorien: 2016 - Zwischenmomente - Exkurse